Psychische Erkrankungen lassen sich medizinisch relativ gut erklären, doch wie sie sich anfühlen, bleibt für viele schwer nachvollziehbar. Ivo (Name geändert), Mitte 40 und seit rund zwanzig Jahren betroffen, beschreibt in diesem Interview offen, wie sich manische und psychotische Schübe für ihn ankündigen, entwickeln und anfühlen.
Seine Erfahrungen zeigen eindrücklich, wie komplex eine schizoaffektive Störung ist – und gleichzeitig, dass Stabilität und ein gutes Leben trotz dieser Diagnose möglich sind. Das Interview soll Betroffenen, Angehörigen und Interessierten helfen, die Erkrankung besser zu verstehen und Berührungsängste abzubauen.
Kannst du dich kurz vorstellen?
Mein Name ist Ivo (Name geändert). Ich bin Mitte 40, habe Betriebswirtschaft studiert und habe keine Kinder. Ich lebe seit ca. 20 Jahren mit einer psychiatrischen Diagnose.
Welche Diagnose hast du?
Ich habe eine schizoaffektive Störung. Also eigentlich zwei Diagnosen: eine Kombination aus Schizophrenie und bipolarer Störung.
Wie würdest du die beiden Diagnosen in deinem Fall beschreiben?
Die Bipolarität (manisch-depressiv), bzw. die Manie, ist bei mir im Normalfall der Beginn eines Schubes. Das bedeutet, ich bin extrem happy, aufgedreht, schlafe fast nicht mehr, habe extrem viel Energie und fühle mich sehr stark, ausserdem arbeite ich tagelang durch. Da kann es schon vorkommen, dass ich spontan in den nächsten Flieger steige und irgendwo Ferien mache, ohne jemandem etwas zu sagen.
Nach ca. 3–4 Wochen kommt dann meistens eine schizophrene Komponente hinzu. Ich beginne Wahngebilde zu entwickeln und werde je nach Inhalt dieser Wahngebilde ängstlich, paranoid und kann fremdgefährdend sein.
Was ist ein Wahngebäude?
Hm, ich kann nur für mich sprechen. In meinem Fall existieren in einem Schub keine Zufälle mehr. Alles, was ich wahrnehme, hat etwas mit mir zu tun und passiert nicht zufällig. Aus diesen (falschen) Signalen entsteht dann ein sogenanntes Wahngebäude in meinem Kopf – meistens eine riesige Verschwörungstheorie, in der ich die Hauptrolle spiele. Manchmal muss ich die Welt retten, einen Kinderhändlerring aufdecken oder andere komische Dinge. Was am Ende die Verschwörungstheorie ist, ist reiner Zufall bzw. abhängig davon, wie mein Kopf Wahrnehmungen interpretiert und Zusammenhänge herstellt, die es in der Realität gar nicht gibt.
Nun geht es um dein Erleben während eines Schubes. Welche Gefühle hast du schon in einem Schub erlebt?
Alles – von absoluter Euphorie und Angstfreiheit bis zu akuter Todesangst über mehrere Tage hinweg.
In der Manie geht es mir subjektiv sehr gut, aber ich baue Mist: Ich werfe mit Geld um mich, feiere, mache Ferien, verschenke oder verbrenne wortwörtlich Geld, weil mich Geld anwidert. Eine Manie kostete mich bisher im Normalfall ca. 20'000 CHF.
In der schizophrenen Phase dominieren meistens negative Gefühle, je nach Wahngebilde bzw. Verschwörungstheorie. Im Extremfall wurde auch schon „auf mich geschossen“ – objektiv ist einem Kellner nur ein Glas heruntergefallen, subjektiv hat mich aber in diesem Moment eine Kugel verfehlt. Ich rannte stundenlang durch Paris und versteckte mich vor meinen «Verfolgern».
Was war deine extremste Erfahrung im Rahmen eines Schubes?
Das war der dritte Schub – der war wirklich hart. Diese Psychose hatte eine religiöse Komponente, was sehr problematisch war, weil in einer Welt, in der das religiös Gute gegen das Böse kämpft, alles möglich scheint und das Wahngebilde jeden Realitätsbezug verliert.
Ich entwickelte Körperhalluzinationen: ein leichtes unwillkürliches Jucken am ganzen Körper, was an sich harmlos ist. In meinem Wahn wurde daraus die Idee, dass der Teufel unsichtbare Mücken auf mich herunterregnen lässt und dass ich sterben würde, sobald mich eine Mücke länger als 5 Sekunden berührt. Meine einzige Chance: Die Mücke totklatschen, sobald sie auf meinem Körper landet.
Ich war ca. 3 Tage „auf 180“ und klatschte unter subjektiver Todesgefahr imaginäre Mücken tot. 3 Tage lang wachsam sein, auf das Jucken warten und innerhalb von 5 Sekunden die Mücke erwischen… Nach 3 Tagen gab ich dann auf und schlief ein. Zum Glück fiel ich der Polizei auf, die mich in eine Klinik einlieferte.
Unter welchen Umständen bist du in eine Klinik eingetreten?
Im Normalfall mit der Polizei bzw. mit einer FU, weil ich auffällig war. Glücklicherweise respektiere ich Menschen, die sich für andere in Gefahr begeben, sehr – deshalb wirkt die Anwesenheit von Polizei auf mich beruhigend und deeskalierend.
Kannst du einen Schub erkennen und sogar verhindern?
In der Zwischenzeit kann ich diese Frage klar mit «Ja» beantworten. Ich habe gelernt, meine Gedanken laufend zu beobachten und zu erkennen, ob ich selbst einen Gedanken denke oder ob der Gedanke ein Eigenleben meines Hirns ist. Falsche, paranoide Gedanken nenne ich «Gedankensplitter», und die bemerke ich.
Wenn sich Gedankensplitter häufen – so 2–3 Mal pro Woche – ist etwas im Busch. Dann muss ich sehr achtsam sein und auf meinen Schlaf achten. Wenn die Gedankensplitter zunehmen, informiere ich meinen Psychiater und meine Spitex und greife auf meine Reserve zurück (hochdosiertes Clopixol).
Wenn ich 2 Wochen hochdosiertes Clopixol nehme, beruhigt sich die Hirnchemie, und ich kann den Schub im Normalfall unterdrücken.
Wie hast du das gelernt?
Achtsamkeit, Achtsamkeit, Achtsamkeit. Gesprächstherapie. Bewusstes Wahrnehmen. Reflektieren. Und der unbedingte Wille, nicht mehr krank sein zu wollen. Ich habe das Glück, dass ich mich an meine Psychosen relativ gut erinnern kann und dadurch genug Erinnerungen an Erlebtes habe, um daraus zu lernen.
Was bedeutet die Krankheit für dich ganz persönlich?
(Denkt lange nach)
Ich hätte gerne darauf verzichtet, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Manchmal macht es mich wehmütig. Ich frage mich manchmal, wie mein Leben verlaufen wäre ohne die Krankheit: wenn ich nicht viermal entlassen worden wäre, wenn ich keine Freunde verloren hätte und so weiter.
Die sozialen Verluste schmerzen mich nicht so stark – ich habe die Einstellung: Wer damit nicht umgehen kann, ist kein echter Freund. Aber was beruflich aus mir hätte werden können, das beschäftigt mich.
Inzwischen habe ich das akzeptiert. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Ich lebe viel stärker im Hier und Jetzt und versuche die Zukunft nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei habe ich auch Glück: Ich habe ein Medikament gefunden, das praktisch keine Nebenwirkungen verursacht und mich subjektiv wie objektiv schützt (Anmerkung: Das Medikament heisst Abilify.)
Was bedeutet die Krankheit für dein Umfeld – Familie und Freunde?
Für meine Familie ist es eine sehr belastende Situation (gewesen). Sie hat einfach Angst, dass ich mir mein Leben versaue – sei es in der Manie oder durch Fremdgefährdung während der schizophrenen Phase.
Es ist extrem wichtig für mein Umfeld, dass ich mir ein Sicherheitsnetz inkl. Notfallplan aufgebaut habe – das schafft subjektive Sicherheit. Zum Beispiel haben alle im Schub relevanten Personen und Institutionen – Familie, Spitex, Arzt, Klinik und sogar meine Krankenkasse – meine psychiatrische Patientenverfügung. Damit stelle ich sicher, dass ich einen Schub frühzeitig unterdrücken kann und alles so läuft, wie ich es aufgrund der bisherigen Erfahrungen für richtig halte.
Wie geht es dir, wenn du nicht krank bist?
Abgesehen von der Angst, dass mein Hirn irgendwann wieder ein Eigenleben entwickelt: soweit gut.
In meinem Fall bin ich zwischen den Schüben jahrelang unauffällig bzw. gesund. Was aber immer bleiben muss, ist eine gewisse Wachsamkeit, Achtsamkeit und Selbstbeobachtung meiner Gedanken. Ich will und muss merken, wenn mein Hirn aus dem Gleichgewicht gerät.
Wie geht es dir mit deinen Medikamenten?
Inzwischen sehr gut. Die ersten Jahre waren ein Horror – mein damaliger Arzt war zu ängstlich, Medikamente auszuprobieren, und ich habe innerhalb von einem Jahr ca. 40 Kilo zugenommen. Seit gut 10 Jahren habe ich Abilify, auf das ich gut reagiere und praktisch keine Nebenwirkungen habe – abgesehen von einer minimen emotionalen Verflachung.
Welche positiven und negativen Aspekte ziehst du aus deinen Erfahrungen?
Die negativen habe ich bereits angedeutet: soziale, finanzielle und berufliche Verluste, die wirklich weh tun und tiefe Spuren in der Lebenslinie hinterlassen. Ich muss damit leben, dass ich nie mein volles Potenzial kennenlernen werde.
Auf der Pro-Seite steht, dass ich mich subjektiv sehr resilient fühle. Ich habe durch die jahrelange Psychotherapie ein sehr hohes Mass an Selbstbeobachtung und Selbstreflexion erreicht.
Ausserdem habe ich subjektiv Gefühle erlebt, die die meisten Menschen im Westen nie spüren werden – z. B. Todesangst. Ich habe extremen Stress erlebt und diesen überlebt. Ich weiss, wie ich unter Stress funktioniere – und das führt dazu, dass ich praktisch angstfrei leben kann. Meine Psychiaterin sieht das anders, aber ich habe subjektiv das Gefühl, dass mich nichts mehr umhauen kann. Ich habe schon alles erlebt.
Wie geht es dir heute damit, wenn du darüber sprichst?
Es wühlt mich etwas auf, insbesondere macht es mich wehmütig, wenn ich an die verlorenen Freunde und Bekannten denke, aber auch an die entgangenen beruflichen Chancen. Aber es ist soweit okay. Ich will der Krankheit keinen unnötigen Raum geben.
Was möchtest du anderen Betroffenen und Angehörigen mit auf den Weg geben?
Man kann auch Glück im Unglück haben. Ja, die Diagnose ist erst mal ein Schock – aber wenn man compliant ist und ein passendes Medikament findet, lässt sich damit leben, und man kann sogar daran wachsen.
Kurz gesagt: Ein schönes Leben ist auch mit dieser Diagnose möglich.